Schweizer System, das unbekannte Wesen — DVM Tag 3 die erste

Unser übliches Ritual nach jeder Runde ist es, den möglichen nächsten Gegner auszutüfteln. Mit den inzwischen angesammelten Erfahrungen zum Schweizer System (und nach Durchsicht des Regelwerk-Dickichts) sind die Trefferquoten ganz passabel. So gingen wir also zum Abendessen mit der „begründeten Schätzung“, dass wir gegen den an 14 gesetzten „Turm Lahnstein“ spielen würden. Der kurze Abstecher nach dem Essen am Aushang vorbei brachte ein großes Oha: Zwar schon „Turm“, aber eben „Lüneburg“. An drei gesetzt.

Die „Arbiter-Chefin“ erklärte irgendwas mit „Farbpräferenzen“ aber letztendlich (glaubwürdige Quellen berichten, dass weitergehende interne Recherchen der Schiedsrichter zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis kamen) ist keinem so wirklich klar, was da passiert ist. Das FIDE-Referenz-Tool kommt zur gleichen Paarungsliste, insofern ist das halt so wie’s ist.

Die Nacht war jedenfalls gelaufen: Lüneburgs Brett eins ist so flexibel, dass Christian alles möglich nochmal durchgeschaut hat; Clemens kann mit Englisch nichts anfangen und hat sich noch bis halb elf sein eigenes „Anti-Englisch“ gebaut; Justus war entsprechend mit-abgelenkt. Und Jakob brauchte noch „irgendwas gegen c6 oder e6“.

Trotz allem startete die Runde sehr ausgeglichen. Lange änderte sich nichts, bis dann Jakobs Gegner auf sehr schöne Art die vorgerückte Position von Jakobs Dame ausnutzte und eine Figur eroberte (siehe 16. …Rxe2). Die chess24-Bewertungen an den anderen Brettern (unser Tisch wurde „live“ — mit 15min Verzögerung — übertragen) neigten sich vorsichtig Richtung Lüneburg (Lesson learned: ignorieren). Jakob tat sich mit seiner Minus-Figur sehr schwer und stellte bald eine Zweite ein. Diese Partie war nicht mehr zu halten; so kam er bald geknickt aus dem Spielsaal.

SC Turm Lüneburg war eh schon stark und hatte dann noch ein Aquana ...

SC Turm Lüneburg war eh schon stark und hatte dann noch ein Aquana …

Erste Gedanken machten sich breit, ob wir Justus ein Remis erlauben sollten. Eine letzte Rückfrage: „Wieviel hat sein Gegner“? „1223“. „Hmmm. Ich lass die mal noch spielen“. Bei Christian neigte sich die Partie weiter; seine Stellung hatte in der Zwischenzeit Ähnlichkeiten mit Jakobs „Doppelbauer-Schotten“. Die bedrohlich halboffene f-Linie hatte sich inzwischen zu einem Einfallstor entwickelt und der König stand immer noch in der Mitte. Verfolgt durch Dame und Turm flüchtete Christians König an den aufgerissenen Damenflügel wo ihn durch eine Unachtsamkeit eines seiner Bauern ein baldiges Matt ereilte.

Clemens hatte ziemliche Startschwierigkeiten gegen die sehr gut spielende Lüneburgerin an zwei; er versuchte, die Mattdrohungen auf der Diagonale a1-h8 abzuwehren und irgendwie seinen blockierten Lb7 freizuschießen. Direkt auf das 0:2 bot Justus‘ Gegner ihm ein Remis an, was Justus aber aus formalen Gründen abschlug („Du bist gar nicht am Zug, das kannst du nicht bieten“). Über die Toilettenpause von Justus vergaß er sein Remisangebot und so ging die Partie weiter. Langsam geriet er in Zeitnot und machte Fehler, die Justus geschickt nutzte: Justus‘ schwarzer Turm enterte die zweite Reihe und hielt die weiße Armee am Boden; unterstützt von einem Blockade-Läufer, der die Ecke abdeckte. (Kommentar aus dem Live-Auditorium: „Ouh! Jetzt hat Justus ein Matt in elf übersehen.“ Liebe U20: wie schaut’s aus?) Justus verschaffte sich stattdessen einen gedeckten, entfernten Freibauern und die Zeit für Justus‘ Gegner schmolz immer weiter. Die Sekunden liefen: 4 … 3 … 2 … Weiß zieht … 1 … Weiß greift Richtung Uhr … 0 … die Uhr wird gedrückt. Beide Spieler schauen zur Uhr und bemerken die Flagge. Das ist dann wohl der Grund, warum das Regelwerk zwischen beendetem und abgeschlossenem Zug unterscheidet. Und beendet reicht nun mal nicht.

Dieser wichtige Punkt kam eben zu dem Moment, als Clemens in einem größeren Schlagabtausch zwei Figuren für einen Turm gewann und langsam begann, sich aus seiner Bedrängnis zu lösen. Die wilde Abtauscherei ging weiter und trotz anfänglichen Anlaufschwierigkeiten (und zwischenzeitlich zerrütteter Bauernstruktur) stand Clemens am Ende mit einem gewonnenen Turmendspiel da. Als sein Freibauer unbeschadet die zweite Reihe betrat, streckte die Gegnerin die Waffen. Puh! 2:2 war ein Stand, den keiner von uns erwartet hatte.

Mit diesem Remis gegen Setzplatz drei haben die vier eine großartige Leistung abgeliefert und einem sehr starken Gegner (trotz dessen Aquana) erfolgreich Paroli geboten.